Donnerstag, 19. März 2015

konkret – Dezember 1965

konkret Dezember 1965

„Und dabei fängt es meist wirklich harmlos an. Für gewöhnlich auf irgendeiner Party. Etwa auf der, die Monika (22) und Heinz (19), ein junges Studentenpaar, neulich auf ihrer Bude in Wilmersdorf gaben. Es war so wie immer. Jenes seltsame Gemisch zwischen spätpubertärer Ekstase und abgestandenem Bier. Twist-Twist und Parkettschleichen zum Blues-Gewinsel eines Saxophons, Diskussionen auf Sitzkissen über Vietnam und über die Betthupferlqualitäten irgendwelcher langhaariger Sirenen, roter Dämmerschein und heur bleu: das übliche. Bis Alfredo kam.“

Martin Buchholz unterwegs in der West-Berlin, so mit Kippe im Mundwinkel, einfach locker aus der Hüfte ...

Was?

konkret wird vor allem mit dem Namen Ulrike Meinhof in Verbindung gebracht. Sie war Mitte der 1960er nicht nur Chefredakteurin, sondern auch Ehefrau des Herausgebers Klaus Rainer Röhl. Ihre harte Arbeit in dem Heft machte sie zur vielbeachteten Journalistin. 1970 wurde sie als Fluchthelferin von Andreas Baader für die neue deutsche Linke zur Jeanne d’Arc, wie es ein ehemaliger Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausdrückte.

1959 arbeitete man bei der FAZ noch mit einem weniger ehrfürchtigen Vokabular und nannte die konkret eine „dubiose Hamburger Studentenzeitung“. Dabei hatte die konkret schon 1957 den alten, bei der Gründung im Jahr 1955 verwendeten Namen Studentenkurier abgelegt. Man wollte sich vom Image eines Bewegungsblatts des „Kampf den Atomtod“ entfernen.

Dass konkret Gelder und Weisungen aus Ostdeutschland erhalten hat, wurde schon früh vermutet und bewahrheitete sich auch. Allerdings waren die als „Tarnung“ publizierten DDR-kritischen Texte den Geldgebern in der Ostberliner Abteilung „Kultur & Politik“ ab 1962 immer mehr ein Dorn im Auge. Klaus Röhls Artikelserie ‚DDR intim‘ führte im Sommer 1964 zum endgültigen Bruch. Er schrieb über die offizielle Pressereise deutscher Journalisten in der DDR deutlich kritischer als seine Kollegen von der Zeit. Zur Strafe wurde der Geldhahn zugedreht und die Hamburger Journalisten mit Druckrechnungen allein gelassen. Man hat weitergemacht. Röhls und Meinhofs Tochter Bettina beschreibt den KPD-Ausschluss und das entstandene Vakuum in ihrem Buch ‚So macht Kommunismus Spaß!‘ als Durchbruch:

„War Klaus Röhl bis dahin so eine Art ‚Kreativ-Wessi‘ für die konservativen Kommunisten aus Ostberlin gewesen, die ihn in dieser Hinsicht hoffnungslos unterforderten, brach es nun über Nacht aus ihm heraus: Politik, Sex-and-Drugs-and Rock’n’Roll. […] Der Werbeslogan hieß: ‚Die Illustrierte für Interessierte‘. Mit seiner Juli/August-Doppelnummer legt Klaus Röhl einen fulminanten Neustart hin.“

Auflage

„[…] Das erste unabhängige und wirtschaftliche autonome Heft verkaufen die frischgebackenen Unternehmer Röhl und Steffens knapp 50.000 Mal und damit dreimal so oft wie die alten K-Versionen.“

Rund vier Jahre später, im Frühjahr 1968, zitierte Röhl – er und Meinhof waren bereits getrennt – die IVW-Verkaufsauflage seiner Zeitschrift mit 154.000 Exemplaren. Das dürfte als Auflagenhöhepunkt gelten.

Inhalt

Entweder kann man sich bei der Auswahl eines älteren Zeitschriftentitel gezielt eine Ausgabe aussuchen, die sich wie ein vergilbtes Who’s Who vergangenen Geisteslebens lesen lässt oder man nimmt eine Ausgabe – und das ist der Vorteil bei Zeitschriftenlektüre – aus einem vordefinierten, groben Zeitraum, möglicherweise eine Ausgabe, die billig zu kriegen war, aber nicht als Kernwerk verstanden werden darf. Bestseller oder Kultklassiker gibt es bei Zeitschriften sehr selten, Ausnahmen sind vielleicht die Ausgabe 18 / 1983 des stern (Hitlertagebücher) oder Ausgabe No. 1178 des Satireblatts Charlie Hebdo, das eine Woche nach den Anschlägen auf die Redaktion erschien.

Wäre hier die erste Ausgabe, die nach dem Bruch mit den ostdeutschen Finanziers besser platziert? Oder das Heft mit dem ersten Meinhof-Artikel, also jene Ausgabe Nummer vom Oktober 1959 in die Jungjournalistin das Ereignis des Flugs der russischen Mondsonde Lunik und den Besuch des damaligen sowjetischen Oberchefs Chruchtschow in den Vereinigten Staaten als Zeichen eines großen, neuen Friedens deutete. Die Aussichten schienen rosig. Schließlich waren sie und Röhl damals frisch verliebt.

Über sechs Jahre später war aus der Romanze eine Familie geworden und Ulrike Meinhofs journalistische Karriere ebenso wie die konkret sehr erfolgreich. Den Posten der Chefredakteurin bekleidet sie in diesem Heft schon nicht mehr. Ihre legendären Kolumnen konnte man indessen weiterhin lesen. Feindbild dieser Nummer: Ludwig Erhards Ostpolitik.

Ulrike Meinhof konkret 1965

Und auch an anderen illustren Namen soll es in dieser Nummer nicht fehlen. Hubert Fichte ist vor allem bekannt durch die Poesie seiner Tonbanddokumentationen über Hamburgs Rotlicht-Milieu. Mitte der 1960er zeichnet sich bereits die besondere Qualität seiner Gehör-Gehirn-Verknüpfung ab – in Form des Plattenragouts.

Hubert Fichtes Plattenragout konkret

Neben Herrn Fichte kann man bei Sichtung dieser Ausgabe noch an einen anderen halbvergessenen C-Promi bundesdeutscher Publizistik erinnern und zwar an Rolv Heuer. Er schrieb 1970 für das Alternativblatt Planet über LSD (gleichzeitig publizierte er deutsche Texte für die Release-Bewegung, die eine Art Anonymer Alkoholiker für Abhängige illegaler Drogen war). 1971 erschien Heuers Buch über die Schulden großer Geister (Cesar, Marx, Bismarck). Er kam Anfang der 1970er Jahre bei einem Autounfall ums Leben.

Als älteres Semester echauffiert sich der Lyriker Peter Rühmkorf in einem langen Essay über „Primanerlyrik“. Er war seit Gründung des Studentenkuriers Röhls Mitstreiter. Die Themenmischung Politik-plus-Porno gilt als Rühmkorfs Idee. Sie machte die Konkret berühmt-berüchtigt. Das könnte aber auch alles ein wenig übertrieben sein. Schließlich war eine entblößte Brust erst 1969 auf dem Titelbild auszumachen. Von Porno kann man also nicht sprechen, auch wenn im Dezember 1965 Sexualität zwar deutlich, dennoch grafisch sehr vorsichtig, thematisiert wird. Dafür kommt die DDR endlich mal gut weg:

konkret Sexwelle in der DDR

Persistenz & Turnus

Es gibt unterschiedliche Erklärung dafür, warum 1973 für Röhl die Arbeit an konkret endete und Hermann L. Gremliza die Zeitschrift übernahm. Bettina Röhl beschreibt Gremliza als Putschist. Der konkret-Mitgründer und Teilhaber Klaus Hübotter, der Gremliza Geld zuschob, sagte, dass der Name der Zeitschrift der einzige Wert der Konkurmasse gewesen sei, die durch Verkaufsrückgänge anfiel. Seit dem Relaunch im Jahr 1974 verantwortet Gremliza das monatliche Erscheinen der konkret. Das Erbe der alten Version will man aber nicht antreten. Seine Ehefrau Katrin Gremliza, Geschäftsführerin der KVV „konkret“ Vertriebsgesellschaft für Druck- und andere Medien GmbH & Co. KG schrieb mir:

„Die Ausgaben aus den 60er Jahren haben mit konkret heute nix zu tun. Damals war ein gewisser Herr Röhl für „Nacktklappis“ mit Politgarnitur zuständig. Seit 1974 erscheint Konkret unter neuer Herausgeberschaft und ist ein anderes Magazin. Vielleicht doch eine der neueren Ausgaben versuchen?“

Röhl ist in den 1990ern in die FDP eingetreten. 2011 hat er mit über 80 Jahren eine Sammlung seiner Kolumnen für die Preußische Allgemeine Zeitung unter dem Titel ‚Höre Deutschland: Wir schaffen uns nicht ab‘ veröffentlicht.

Verdikt

Die Punktvergabe wird dieses Mal nicht in Form von Herzchen, sondern von Satzzeichen vergeben. Folgend der Schlüssel aus der konkret inklusive einem Bild von Röhl, der seine Bewertung neuer Bücher unter dem Pseudonym Michael Luft abzugeben pflegte:

Klaus Rainer Röhl Michael Luft konkret

Im Frühling 2013 fragte ich Anja Röhl  – Röhls älteste Tochter aus erster Ehe – was sie von dem literarischen Schaffen ihres Vaters halte. Sie antwortete, dass sie ihn nie als Autor gesehen habe, höchstens als Journalist. Vielleicht, so kann man vermuten, war er auch nur ein risikobereiter Magazinmacher. Die journalistische Qualität kam von Meinhof. Ihr Weggang in Zeiten der höchsten Auflage mag auch der Anfang vom Ende gewesen sein. Der Lebenslauf nach der Arbeit für konkret als Terroristin und Häftling ist ausreichend dokumentiert und „bedauernswert“, wie Enzensberger in seinem Erinnerungsbuch ‚Tumult‘ schreibt:

„Sie war eine berühmte und angriffslustige Journalistin, aber das hat ihr nicht genügt. Ihre Ziehmutter hat sie mit einer urdeutschen Form des Protestantismus angesteckt, die sie nie wieder loswurde. Sie war einsam, eine Nonne ohne Abt. Sie tat mir leid. Wen sie die Brille abnahm, sah sie wehrlos aus. Pazifismus, Sozialarbeit, Agitation, alle diese Bußübungen genügten ihr nicht. Eine Kolumne zu schreiben, war das nicht etwas für Waschlappen?“

Krawalliger als die mythenbesetzte twen und deutlich aufgedrehter als die Ausgaben von Enzensbergers Kursbuch jener Jahre, kann die konkret als Anlass genommen werden, sich zu freuen, dass die Sturm-und-Drang-Wirren der 1960er Jahre hinter uns liegen, als Lektüre und Hasch, Sex und Bewegung, Wohlstand und Vietnam so manches Hirn kurzschlossen.

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