Donnerstag, 15. Mai 2014

ATLANTIS – Heft 6, Juni 1932

Atlantis Zeitschrift Juni 1932

„Destruktive Ereignisse springen mehr in die Augen als konstruktive, Zerstörung mehr als Wachstum, besonders in einer Zeit, die ohnedies zum Pessimismus neigt und etwas zu leichtfertig Tagesereignisse zu 'historischen Wendepunkten' aufbauscht und in der Feststellung einiger Umwandlungen auf der ewigbewegten Oberschicht der in ferne Weiten wallenden Menschheit immer gleich 'Weltwenden' sieht.“

– Martin Hürlimann

Was?

„Länder / Völker / Reisen“ lautet der Untertitel von Atlantik; eine Zeitschrift auf die man schnell stößt, wenn man sich mit Periodika der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigt – vor allem solchen die gerne als inspirierender Vorreiter zeitgenössischer Magazinkultur herangezogen werden. Oft wird passiert es, dass Atlantis als Vorläufer der Reisezeitschrift Merian genannt wird.

Eher erinnern die frühen GEO-Hefte, in denen man Geschichte und Psychologie noch nicht so sehr für sich entdeckt hatte, an Atlantis. Sowohl Atlantis als auch die GEO der späten 1970er und frühen 1980er Jahre boten opulente Bildstrecken in – für ihre Zeit – modernster Drucktechnik (bei GEO Vollfarbdruck, bei Atlantis Kupfertiefdruck); beide Zeitschriften näherten sich ihren Themen mit anspruchsvollen und langen, dennoch leicht zugänglichen Texten.

Persistenz

Vor 50 Jahren verschwand Atlantis vom Pressemarkt. Die gesamte 35-jährige Existenz über wurde die Zeitschrift vom Historiker und autodidaktischen Fotografen Martin Hürlimann herausgegeben. Mithilfe des heute in Tübingen ansässigen Wasmuth Verlag erschien 1929 in Berlin-Schöneberg die erste Nummer. Bei Wasmuth wollte oder konnte man allerdings die aufwändige Zeitschrift und die Bildbandprojekte Hürlimanns schon bald nicht mehr stemmen. Noch im selben Jahr gründete Hürlimann mit seiner Frau Bettina Kiepenheuer deswegen den Atlantis Verlag.

Wasmuth blieb weiter Geschäftspartner und übernahm den Vertrieb in der Schweiz. Dort – in Hürlimanns alter Heimatstadt Zürich – wurde 1936 auch ein Zweigbüro des Atlantis Verlags eröffnet, welches ab 1944 auch zum Hauptsitz wurde. Man war nicht mehr sicher im Nazideutschland des totalen Kriegs: Ein Bombenangriff hatte das gesamte Verlagslager in der deutschen Reichshauptstadt zerstört. Nach Kriegsende wagte man sich vorsichtig zurück. 1950 bezog man den neuen deutschen Standort in Freiburg im Breisgau. 1964 ging die Zeitschrift Atlantis in dem artverwandten Schweizer Kulturmagazin du auf. 1967 zog sich Hürlimann aus dem Verlagsgeschäft zurück, 1974 auch seine Ehefrau. Der Atlantis Verlag wurde mehrfach verkauft und hörte 1992 auf zu existieren.

Seit 2005 gibt es wieder eine Zeitschrift und einen Verlag mit dem Namen Atlantis im baden-württembergischen Breisbach. Allerdings geht es bei dieser Atlantis um Tauchsport mit Artikeln über„das wandelnde Nadelkissen“ (wie der giftige Bart-Feuerborstenwurm auch genannt wird) und über „Tauchen mit dicken Kindern“.

Erwerbsgeschichte

Von einer Erwerbsgeschichte kann man in diesem Fall nicht sprechen. Diese Zeitschrift ist eine Leihgabe meines Freundes Martin Krüger. Einen Tag vor meinem Geburtstag habe ich Ihn im Berliner Wedding besucht. Wir haben uns Backofengemüse reingeschaufelt, das dem Supermarkt, in dem er arbeitete, nicht mehr gut genug für die Kunden war.„Punkerfraß“, wie Martin das mit seinem typisch schelmischen Grinsen sagte. Ich hatte ihm das Gratitude mitgebracht und nach dem Essen haben wir Powerviolence gehört und über Frauen gesprochen und darüber, wie man die Vinylversion vom Demo der einzigen Berliner Straight Edge Band Xwalk awayX noch vertreiben könne. Die hat Martin nämlich in einer entspannten Auflage von 300 Exemplaren über sein Label Inges Revenge pressen lassen. Eine Kopie schenkte er mir. Mein Dank: eine noch ausstehende Besprechung im Trust.

Inhalt

Im frühen 21. Jahrhundert sind monothematische Magazine häufig geworden. Aus wirtschaftlichen Gründen sicherlich zurecht: Da der Verbraucher inzwischen zumeist durch Internetsuche auf die von ihm erwünschten Kaufangebote stößt, wollen die Produzenten und Vertreiber von Endverbraucherprodukten immer seltener auf Papier von sich reden machen. Mit monothematischen Heften wollen die Verleger gedruckter Medien potentielle Anzeigenkunden mithilfe eines als Event inszenierten und spezialisierten Werbeumfelds zurück auf ihr Papier ködern. Was im Werbeumfeld eine klare Sache ist, wird im Inhalt zeitgenössischer Publikationen oft etwas unkonkret. Da faktische Information sehr einfach zugänglich ist, versucht man abseits des Musikjournalismus leider oft das von der Redaktion gewählte Monothema zu umkreisen, neu anzugehen, zu deuten, anstatt es schlicht, einfach und umfassend abzubilden.

Anders in dieser Ausgabe der Atlantis: Was draufsteht ist drin. Man bekommt einen hervorragenden Überblick über das späte Britische Weltreich mit allen wichtigen Orten und Akteuren. Das geht schon mit der über 30 Seiten langen Bildstrecke los: Sie führt durch die Wüste von Warziristan, über die Gipfel des Kaschmirgebirges hin zum Hafen von Hong Kong, weiter zu den Weidesteppen von Neusüdwales und endet in den Sägewerken des Dominion of Canada.

Zu Beginn der 1930er Jahre war das Britische Weltreich kaum mehr aus machtpolitischen Interessen zusammen gezurrt, sondern aus einem anderen Grund, den der damalige Englandkenner und späterer Innere Emigrant Rudolf Kircher in seinem Essay Das britische Weltreich auf den Punkt bringt: „Der Engländer will billig leben.“

So wie in den 1980er Jahren ein viel zu eiliger Übergang von Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft (vor allem Finanzen) stattfand (inkl. Eindampfen der Arbeiterklasse), war bereits im 19. Jahrhundert ein sehr rascher Sprung in die Industrialisierung gemacht und die eigene Landwirtschaft vernachlässigt worden. Man verließ sich in England darauf, dank technischer Überlegenheit die Rohstoffe und große Teile der Lebensmittel aus den weit verstreuten Kolonien zu holen.

Spätestens nach dem mit starken Verlusten von den unter England stehenden Truppen gewonnenen Burenkrieg, der das 20. Jahrhundert einläutete und einen Vorgeschmack auf die neue Gewaltqualität der industriellen Kriegsführung gab, begann man in den höchsten Position die Schwachbrüstigkeit britischer Hegemonie herbeizureden. Nach dem Großen Krieg, der später der Erste Weltkrieg genannt wurde, konnte man sich durch den Zerfall des Osmanischen Reichs den Irak, Palästina und Jordanien als Einflusssphäre sichern und den deutschen Kriegsnichtgewinnlern ihre ohnehin bescheidenen Schutzgebiete zum Beispiel in Südwestafrika und Togo wegschnappen.

In den 1920er Jahren lebte rund ein Viertel der Weltbevölkerung in Dominions und Protektoraten, in Kronkolonien und Pachtgebieten.Wachsende Größe erleichterte die Ausbeutung aber keineswegs. Nirgendwo zeigte sich die Fragilität des Empires in den 1930er Jahren so deutlich wie in Indien. Bei Erscheinen dieser Atlantik-Heftes war die Hauptfigur der indischen Unabhängigkeitsbewegung Gandhi verhaftet worden. Der von ihm zuvor veranlasste Salzmarsch in das Küstendorf Dandi war der Auftakt seiner zweiten und wohl wirkungsvollsten Kampagne zum Boykott ausländischer – sprich britischer – Importe. Es kam zu Verhandlungen in London, die aber unvorteilhaft für Gandhis Idee einer indischen Nation endeten. Im Nachgang gab es schwere Demonstrationen und Kämpfe. Nicht umsonst bemerkt Hürlimann in seinem Editorial, die „schwere Erschütterung der Machtstellung in Indien, dessen Unabhängigkeit nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint.“

Ratlosigkeit war angesichts dessen sicher vorhanden, wie schon die Haltung eines englischen Offiziers mit einem indischen Nationalistenführer anlässlich hindu-mohamedanischer Gewalt veranschaulicht:

Proteste Indien 1920

Und nicht nur in Indien hat es gebrannt. Auch in den allernächsten Besitzungen schwelte es: Guerillatruppen hatten erst 1920 eine Unabhängigkeit eines Großteils von Irland erkämpft. Und selbst im Herzen des Empire, in Manchester, gab es immer wieder Ärger:

Proteste Manchester 1920

So groß, so mächtig, durch Gier so verheddert in alle globalen Dynamiken war das Empire noch zwischen den Kriegen. Wie Kircher in einem euphemistischen Anfall am Ende seines Essays schreibt:

„Der Umgang mit Menschen klingt nicht immer in Harmonie aus. Stehen diese Menschen obendrein nicht gerade auf derselben – oft nur eingebildeten – hohen Stufe der Zivilisation, so mag die erste Reaktion auf das Zusammentreffen zuweilen recht häßlich und unerfreulich sein, aber – soviel sieht man am englischen Beispiel – hier und dort geht die Saat dann doch auf.“

Dies räumt Vielschichtigkeit durch die Egalität der Konsumenten ein. Neben der Gleichheit in Zahlungsvermögen wurden aber gesellschaftliche Gräben in England traditionell gepflegt, nicht nur zwischen Ober- und Unterhaus. Dieses Differenzierungsbewusstsein zeigte sich auch in dem Präfekten- und Haussystem der Boarding Schools, genauso wie in der absichtlichen Trennung eingeborener Bataillone. Charles Wood, Staatssekretär für Indien von 1859 bis 1866 äußerte dazu: „Ich wünsche, daß in verschiedenen Regimentern ein ganz verschiedener, rivalisierender Geist herrscht, so daß im Notfall Sikhs ohne Skrupel auf Hindus feuern könnten oder Gurkhas auf beide.“

Auch wenn das Britische Weltreich nicht mit dem römischen Imperium zu vergleichen ist: Auch hier ging die Strategie des Divide et impera solange auf bis der Weltreichkorpus an Verfettung zugrunde ging.

Haptik & Werbung

Neben der Weltfülle des Inhalts kommt die einseitige Anzeige für Theodor Fonanes dichterische Entdeckung der Mark Brandenburg in Frakturschrift etwas heimelig daher. Neben den Bildbänden über Ägypten oder Afrika erschienen aber auch solche Bücher im Atlantis Verlag. Viele Titel des Hauses wurden auf den Seiten der Atlantik ausgiebig beworben: Auf der hinteren Umschlagseite, sowie auf den kleinen Nachrichten vorne und hinten, die Buchrezensionen mit anderen Kurztexten verbinden. Dort wird sogar auf die Werbebeilage der Firma Mey & Edlich hingewiesen, „ein origineller Prospekt, den man gerne auf sich wirken läßt.“ Das tut man in der Tat:

Mey Kragen Werbung 1932

Die Verteilung der restlichen Werbung ist modern: ein Block vorne, einer hinten. Die Seitenzahlen der Werbung sind lateinisch, während der Inhalt arabisch nach Jahrgang paginiert wurde. Es gibt zwei Papiersorten (Bilder sind auf glattem Papier, Text zum großen Teil auf rauen), die durch Klebebindung mit unbedruckten Rücken zusammengehalten ist. Gewicht dieser Ausgabe: 203 g.

Verdikt

Die Zeitschrift werde ich Martin jetzt zurückgeben. In Fernweh schwelgte ich schon vorher. Nun wünsche ich mich auch noch in eine Zeit der Einweg-Hemdkragen zurück, in denen Intellektuelle noch an die guten Seiten des Imperialismus glaubten.

Donnerstag, 05. Mai 2016

BLOCK – No. 2 (2015)

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Donnerstag, 13. Januar 2011

GEO – Nr. 10/Oktober 1977

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Weissblech Gratis Grusel 2011
Donnerstag, 05. Mai 2011

die geschäftsidee – Ausgabe III/95, 2. Juni 1995

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CONSOMMATION SPÉCIFIQUE – VITRIOL Part # 1 March 2011

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Montag, 04. April 2011

Ostfriesen-Zeitung – Nr. 78, Sonnabend, den 2. April 2011

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The Wrocław International – Issue 4, February 2011

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Donnerstag, 24. März 2011

ASPEKT RATIO – 2011 / Issue 1

ASPEKT RATIO Magazine Berlin
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