Donnerstag, 23. Februar 2012

DER FREUND NR 8


"MARK HAUBENBORN: Nickel, der Nickel? Von dem kommt auch nichts mehr, schon länger.

DANIEL WINDER: Seit Jahren

MARK HAUBENBORN: Ein Erzählungsband, paar dünne Erzählungen, Schmonzetten eher. Dann irgendein Literaturmagazin, geschätzte Auflage dreihundert, Dünnbrettbohrer.

DANIEL WINDER: Hat mit seinem Gschpusi Kracht...
MARK HAUBENBORN: Popliteraten. Pfui. Schwuler Mist, immer nur Partytalk, was die für Jackets anhaben, gekünstelt wie nichts, da fehlt das wahre Leben. Wohin das führt haben wir bei Stuckrad-Barre gesehen. Neulich so ein Internet-Buch veröffentlich. Die sind alle nicht nur von Daniel Kehlmann überholt worden, sondern auch von Gevatter Zeit. Brinkmann, Fauser, das war Pop. Nicht so ein eitler, ich-bezogener Quatsch."
- Weder Haubenborn noch Winder sind bei den "Mitarbeitern dieser Ausgabe" zu finden. Wer steckt dahinter?

Was?
Hier ist die letzte Ausgabe des zeitlich befristeten Zeitschriftenprojekts von Christian Kracht (ehemaliger König der Popliteratur, jetzt angeblich Nazi oder auch nicht) und Dr. Eckhart Nickel (Freund vom König). Redaktion saß inzwischen in San Fransisco und nicht mehr in Kathmandu, aber die Adresse in der Freak Street behielt man trotzdem. 

Turnus
Wie schon gesagt war der Der Freund ein temporäres Projekt. Zwischen Herbst 2004 und Sommer 2006 erschienen acht Ausgaben im Springerverlag, welcher nach der Einstellung den SCOOP!-Wettbewerb ausrief. In dessen Folge entstand das Reportage-Magazin Human Globaler Zufall. Nach zwei Jahren und trotz großen Lobs war auch damit Schluss. 2010 machte man irgendwas mit Internet. Derzeit scheint das Förderangebot eingestellt zu sein.

Kioskpreis-Inhalts-Verhältnis
Gesamtseitenzahl inklusive Titelblatt: 120 Seiten
Ganzseitige Anzeigen: Keine, was die Macher, als auch Feuilletonisten sehr bemerkenswert fanden. Naja, mit der Bild-Zeitung im Rücken...hüstel hüstel...
Preis: 10 Euro
Format: Mit 21cm x 25cm fast quadratisch
Preise pro Inhaltsseite: 8 Cent
Gefühlte Wertigkeit: Angemessen

Erwerbsgeschichte
Vermutlich am Siegener Bahnhofskiosk gekauft. Dort hatte ich mir auch die erste Ausgabe besorgt, die mich aber sehr verwirrte und ich mir erstmal keine weitere Nummern, geschweige denn ein Abonnement zulegte. Das zwanzigseitige Interview mit des Werbemenschen Holm von Czettritz war mir damaligen Erstmsemester dann doch etwas zu lang und befremdlich. Bei der erneuten Lektüre nach acht Jahren ist das Gespräch doch sehr lesenswert. Hier sei ein der Verweis zu einem anderen Interview erlaubt, dass nicht minder lesenswert ist.

Bei dieser, der letzten Ausgabe, des Freund wurde ich dann aber nochmal neugierig. Soviel hatte sich aber garnicht geändert. Zumindest im erlauchten Autorenkreis um Kracht und Nickel wird Wladimer Kaminer 2006 genauso mit Verachtung gestraft wie 2004.

Vermutete Lesergruppe
Berlin-Mitte oder alle die 2006 gerne dort gewesen wären oder Kracht-Fans oder alles drei.

Titel
Budibububu...


Inhalt
Dem Christian Kracht sein Interesse für Diktaturen blitzt auch hier auf:


Layout
Keine Fotografie, was Machern und Feulletonisten erst recht eine Bemerkung wert war. Kürzlich schaute ich mir erneut den Film 'La Guerre du feu' an und beendete die Lektüre von Rüdiger Nehbergs Autobiographie (die zum 70. Geburtstag, nicht die zum 75. Geburtstag). Deswegen kann ich mit den Illustrationen für das Porträt von Park Chan-wook sehr viel anfangen.

Um es mit den Worten von Rival Mob zu sagen:

"I'm going back the old ways...
I'm living hard and cold and real"

Leider sitze ich gerade an einem MacBook in Berlin(-Nicht-Mitte) und schreibe einen Blog. Weiter kann Wunschdenken und Realität garnicht auseinanderklaffen. Immerhin habe ich einen Kumpel, der gerade Urlaub in Griechenland macht.



 


Verdikt
Stilsicherer Schalk lauert in jeder Zeile und macht aus der Lektüre des Freund ein schöngeistiges Misstrauensverhältnis. Manche Texte sind in ihrer Kryptik auch nur langweilig. Aber allein weil Kracht und Nickel mir mit ihren ironischen Buchsbesprechungen den Begriff Rezensorium Nahe brachten, kann ich dieses Magazin uneingeschränkt empfehlen.




Donnerstag, 16. Februar 2012

GELDGESCHICHTLICHE NACHRICHTEN - 47. Jg. • Januar 2012 • Heft 259


"Suche Irak, 5 Dinar 1990 (Me) auf die Annektion von Kuwait."
- Aus den Sammler-Kleinanzeigen

Was?
Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts wurde numismatische Zeitschriften herausgegeben. Die Numismatik ist die wisenschaftliche und/oder hobbymäßige Beschäftigung mit Münzen und Medaillen. Hier ist ein entsprechendes Magazin aus Frankfurt am Main.

Turnus
"Erscheint sechsmal jährlich."

Kioskpreis-Inhalts-Verhältnis
Gesamtseitenzahl inklusive Titelblatt: 52 Seiten
Ganzseitige Anzeigen: Mit den Kleinanzeigen sechs Stück.
Preis: Man muss Mitglied der Gesellschaft für Internationale Geldgeschichte Gemeinnützige Forschungsgesellschaft e.V. (GIG) sein, um die Geldgeschichtlichen Nachrichten beziehen zu können. Die Mitgliedschaft in dem Laden kostet 42 Euro im Inland und 40 Euro im Ausland. Wenn man sich nicht anderweitig engagiert, zahlt man also sieben Euro pro Heft.
Format: DIN A 4 klassisch
Gefühlte Wertigkeit: Rein haptisch habe ich schon hochwertigere Produkte in der Hand gehabt und nichts dafür bezahlt, was natürlich die falsche Sichtweise ist.

Erwerbsgeschichte
Von Henning, einem langjährigen Bezieher, als Leihgabe bekommen. Nach der Besprechung soll ich das Heft gut erhalten zurückschicken. Zur Beruhigung: das ist mir möglich.

Vermutete Lesergruppe
Bei dieser stupenden Eindeutigkeit verkneife ich mir jeden albernen Spruch. Man sagte mir, die Geldgeschichtlichen Nachrichten seien seriöser als andere Magzine mit derselben Zielgruppe.

Titel
Graphisches Element ist die Weihnachtsmadaille eines deutschen Landser, der sich 1944 in einem texanischen Kriegsgefangenenlager herumlangweilte. Motto: "Deutsche Weihnacht fern der Heimat."

Inhalt
Unter anderem kann man - Dirk Berger pass auf - den ersten Teil des Aufsatzes über "Bargeldabflüsse durch Auswanderung nach Nordamerika vor Gründung des deutschen Reiches" von Jens Heckl lesen.

Außerdem gibt es massig Rezension von Münzen.

Diese Berliner Jubiläumsmünze zur Einführung des Euro vor zehn Jahren hatte ich auch schon einige Male in meinem Portemonnaie:



Die 2-Euro-Münze zur Feier des XXVI. Jugendtages bisher noch nicht:


Diese finnische 5-Euro-Münze - als Fortsetzung der Serie "Historische Provinzen in Finnland" der Provinz Österbotten gedacht -  habe ich ebenfalls noch nie besessen, geschweige denn eine ungefähre Vorstellung der geographischen Lage von Österbotten.


Hier noch mein Liebling unter den vorgestellten Euronen: Die...BÄ-BÄ-BÄM...belgische 100-Euro-Münze auf den Jugendstilarchitekten Victor Horta (Auflage 2.000 Stück):

Der Euro in seinen vielfätligen Ausführungen ist geil. Schon ohne Sondermünzen. Soviel zu unserer Währungskriese. 

Layout
Hier ist die erste Ausagbe der Geldgeschichtlichen Nachrichten im neuen Layout seit Jahrzehnten. So steht es in der Einleitung. 

Verdikt
Einblicke in andere Bereiche des süßen Anhäufungswahns wage ich immer gerne. Erst neulich gab es  ja in einem überdimensionierten Hotel gerade außerhalb des Berliner S-Bahnrings die World Money Fair. Da rollte der Rubel. Unter anderem der Teuerste der Welt. Seit Aktien nicht mehr gut gehen, kaufen die Menschen halt Geld.

Das reimt sich und alles was sich reimt, ist gut.

So wie "Deutsche Weihnacht fern der Heimat."



Donnerstag, 9. Februar 2012

Querverweis VIII

Was die Rubrik "A Reporter At Large" bedeutet, wurde bereits erklärt. Hier ist ein weiterer Auschnitt aus dem Tummelplatz der guten Schreibe. 

In der der Ausgabe des New Yorker vom 24. Juli 2000 erklärt der Zeitschriftensammler Nichsolson Baker in einer Art Vorabdruck seines Buches Double Fold: Libraries and the Assault on Paper die Kollateralschäden bei der Übertragung alter Zeitungen auf Mikrofilm:
"Still, there is nothing intrinsicallly wrong with microfilming. Taking tiny black-and-white pictures of things isn't objectionable so long as picture-taking isn't destructive. In fact, microfilm can be extremely useful: it is portable and reproducible, and for many kinds of simple referential research it can serve as a stand-in or buffer copy that will reduce wear on irreplaceable and fragile originals. Nobody objects to postcards of Dürer woodcuts, or coffee-table books filled with reproductions of vintage ociean-line posters, because the existence of handy copies of these works of art, in reduced size does not induce museum curators to slice up or throw away the originals.

But the microfilming of old newspapers (which contain many thousands of woodcuts, by the way, not to mention Easter-egg cutouts, paper dolls, dress patterns, and illustrated sheet music) has, right from the beginning, been intimately linked with their destruction. The disbinding of every volume in order to speed production and avoid gutter shadow (the middle area of an open volume, where the pages torn down toward the binding, is a region hard to light and keep in focus) was, and still is, the preferred method of newspaper microphotography in the United States. The technique was systemetically applied at the Libary of Congress. Luther Evans described a pilot project to film a run of the Washington Evening Star in 1941: 'The entire back of the binding was sheared off under a power cutter and the pages photographed individually.' Evans called this 'the ideal technique for microfilming bound newspapers.' S. Branson Marley, who was chief of the libary's serial division wrote years later of that disbinding, 'This was a major decision, for it meant that in order to film a file for preservation, it was necessary to destroy it; once the volumes were cut for this purpose, it was impractical, and usually impossible, to restore them."
Selbstverständlich liefert er auch anschauliche Kostproben, die zeigen was für minderwertige Reproduktion der Mikrofilm, trotz des Zerschneidens der Publikationen, zustande bringt:

Original


Mikrofilm


Wie zwölf Jahre später, also heute, die Übertragungsqualität aus Holzmedien aussieht, vermag ich nicht zu sagen. Sicher ist, dass bei der Digitalisierung für diesen Blog keine Zeitschriften und Zeitungen vernichtet werden.

Zumindest keine, die es nicht verdient haben.


Montag, 6. Februar 2012

DAME KÖNIG AS SPION - SONDERVERÖFFENTLICHUNG ZUM KINOSTART


"[…] der Frank-Pierson-Film ist ein Anti-Bond, bei dem Agenten verzweifelt versuchen, Papiere im Waschbecken zu verbrennen.
Diese Mini-Synopsis des Films The Looking Glass War verspricht spannende Unterhaltung.


Was?
Nicht nur auf Litfasssäulen und an den Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel wird Werbung für Kinofilme gemacht. Mann kann auch wertlose Zeitschriften herstellen.

Turnus
Ob das Kartell von Zitty oder Tagesspiegel öfter solche Gegengeschäfte anleihert, weiß ich nicht. Ich vermute es aber.

Kioskpreis-Inhalts-Verhältnis
Gesamtseitenzahl inklusive Titelblatt: Acht Seiten
Ganzseitige Anzeigen: Das abgedruckte Filmplakat kann man als einzige offensichtliche Werbung gelten lassen Der Rest ist...äh...Schleichwerbung?
Preis: 0,00 Euro
Format: Wie der Tagesspiegel
Gefühlte Wertigkeit: Am Falz entstehen aufgrund des komischen schweren Papiers in kürzester Zeit Risse. Das ist nicht produziert, um es zu sammeln.

Erwerbsgeschichte
In vielen Berliner Kinos gibt es einen Zeitungsständer, in dem man sich nach der Abendvorstellung den Tagesspiegel vom nächsten Tag mitnehmen kann. Dieses mal lag neben dieser Tageszeitung auch diese "Sonderveröffentlichung" darin.

Vermutete Lesergruppe
Leute, die alles mitnehmen, was umsonst ausliegt.

Titel
Besser als das offizielle Kinoplakat, das auf der Rückseite abgebildet ist.


Inhalt
Auf der ersten Doppelseite gibt Gary Oldman dem fragenden Ich namens Lutz Göllner ein interessantes Interview.

Oldman wird hoffentlich den diesjährigen Oscar absahnen. Schließlich ist er Brite und das ist schon rein statistisch von Vorteil. Sicher hätte er diese Auszeichnung schon als bester Nebendarsteller für den unvergesslichen Norman Stansfield in Léon verdient. Nachdem Oldman aber Ende der 1990er sein Talent für Effekspektakel wie  Das 5. Element und Lost in Space vermietet hat und danach ein beachtliches Karrieretief hatte, gönne ich ihm die Auszeichnung umso mehr. Nicht umsonst zierte der Mann bereits das Wappen dieses Blogs.


Auf der zweiten Doppelseite werden die Erfolgsbiographien der Nebendarsteller runtergerattert (übrigens handelt es sich ausnahmslos um Männer).


Auf der dritten Doppelseite wird der Kosmos von Le Carrés Smiley-Romanen runtergerattert. Dabei gibt es sogar eine Spoilerwarnung. Im Grunde ist das Runtererzählen der Romanserie aber ein riesiger Spoiler und blieb ungelesen


Layout
Erinnert an die Kinonews. Das aber nicht nur beim Layout.

Verdikt
Neue Filme schaut man am Startwochenende im Kino oder lädt sie sich aus dem Internet runter. Da ich mit meinem Geld haushalten muss, aber große Leinwände mag, werde ich mir "Dame König As Spion" heute anschauen. Ich werde mich nicht enttäuschen lassen.

Das Papier für diese "Sonderveröffenlichung" könnte man sich ehrlich sparen und lieber auf virales Marketing hoffen. Wenn ich mir diesen Eintrag aber so anschaue, gibt es ja durchaus Synergieeffekte.

Ja, auch dieser Eintrag ist ein Runtergerattere und dazu noch total schwachsinnig. Was soll's? Wenn solche Hefte in meine Hände geraten, kann ich nichts machen.

Montag, 30. Januar 2012

Selbstreferenzialität IV: EINTRAG 100!


Zum 100. Eintrag gibt es endlich Wahrheiten, Klarheiten, Bewusstheiten.

Das Rezensorium der Periodika benutzt zwar Bewertungen, aber richtig definiert wurden die Herzen unter dem Titelblättern bisher nicht. Dies wird nun geschehen und behält bis auf Widerruf seine Gültigkeit. Als Zugabe gibt es noch ein kleines Best-Of. Jede Rezension auf die hier verwiesen wird, wurde noch einmal behutsam nachbearbeitet.

Übrigens: Wie die genaue Verteilungskurve der Bewertung aussieht, also ob hier mehr gelästert oder mehr gefeiert wird, sei an dieser Stelle nicht verraten. Die Info wird in der nächsten Jubelnummer aufbereitet (Zählwütige sind dazu eingeladen es selbst herauszufinden).

Bleibt noch, eine kleine, vorläufige Dankesliste auszurollen:

Für permanente Links gibt es ein Cheapau an den einsichtsreichen und nachdenklich stimmenden Auguststraße-Mitte- Blog und natürlich an Buuusch. Vielleicht wird Der Leser auch mal eine Linkliste haben. Ihr werdet dann aufgenommen. Erstmal ist Übersichtlicheit oberstes Gebot. Chris Ansage, die Schreiberei mal locker anzugehen, war so hilfreich wie sein Blog beim Finden neuer Musik. Die freundlichen Verweise von Philipp Goll beim Hate Mag und Julia / Slanted haben der Besucherstatistik zu Rekordzahlen verholfen. Dank gilt auch den amerikanischen Firmen Facebook und Google für das informationstechnologische Empowerment. Hut ab an alle Redaktionen weltweit. Zeitschriftenmachen ist ein harter Drecksjob. Keep It Up. Außerdem Danke an alle Leser des Lesers, alle Freunde, Bekannte, Verwandte, Kumpel und Kollegen, die mich mit neuem Material versorgt haben, so dass bei der Erwerbsgeschichte selten steht, dass das Heft gekauft wurde. Maike bekommt für das Gegenlesen und ihre Geduld das letzte Wort.


Und nun: 100. Mal der Leser. Feuer frei!


Je weiter oben, desto dünner wird die Luft. Hefte mit dieser Bewertung sind entweder von Freunden gemacht oder lehrreich oder mit meiner Rezeptionsbiographie eng verknüpft oder irgendwas dazwischen. Im Rückblick bedürften manche Einschätzungen sicherlich der Revision. Andererseits sind es vor allem die Hardcore Fanzines, die dieses Internetgelaber erden:




Standard Gold ist das nicht. Das ist besser. Sollte unbedingt besorgt und darf fraglos mit mehr Geld bezahlt werden, als auf dem Titelblatt steht. Der Korpus dieser Bewertungsstufe ist vielfältig ohne überbordend zu sein. Wo, wenn nicht in dieser Bewertungsstufe, sollte man die grobkörnige Reportagefotografie der 1970er Jahre feiern:





Ein Haufen Matsch, also alles Mögliche und viel zu viel. Sozusagen ein kurzer Blick in den Bahnhofskiosk. Vieles bleibt erinnerungswert, aber in der Schule war eine Drei halt eine Drei und so ist es auch mit drei Herzchen.
Da Zeitschriften aber immer noch besser als limitierte DVD-Spezialboxen oder Nike Schuhe sind, bleiben mittelgute Zeitschriften besser als der dreckige, alltägliche, Rest des Lebens.

Hier passt doch der Hinweis auf die meistbesuchtesten Rezensionen des Lesers:

Das ist leider kein Witz.



Hier bilden sich langsam die Profile des Negativbereichs aus. Zugegebenermaßen ist die Bewertung mit zwei Herzchen immer etwas schwierig. Meistens will ich der Rezension zu mehr Profil verhelfen (was im drei Herzenbereich nicht möglich ist) oder habe etwas Sorge zu hart ins Gericht zu gehen.

Berechtigtermaßen, aber auch ein wenig unverdient ist hier eine Publikation versunken, die auf kurz oder lang ein Fingerzeig zu zukünftigen Rezensions-Schwerpunkten darstellt: ziellose Hobby-Geschichtsforschung anhand von Zeitungsquellen!






Mit dieser Bewertung schmücken sich Pulikationen die für einen gemütlichen, entschleunigten Toilettenbesuch im warmen, sauberen Badezimmer immer noch absolut ausreichen. Vor allem wenn in diesem Niveau doch die Zeitung zu finden ist, wegen der dieser Quatsch hier überhaupt gestartet wurde:

Pulver zu früh verschossen, mag man da denken.




Seien wir doch ehrlich: Verrisse liest doch jeder am liebsten. Verwunderlicherweise gab es bisher - und jetzt gibt es doch noch ein wenig Statistik - nur einen einzigen:



Verdikt
In den ersten 100 Einträgen sind Lokaljournalismus, Sportpresse und Celebrity / Lifestyle-Magazine zugunsten von Literaturzeitschriften und Comics sträflich vernachlässigt worden. Ob sich das in Zukunft ändert, vermag ich nicht zu sagen. Im wuchernden Blätterdschungel ist die Machete nützlicher als ein Kompass.




Donnerstag, 26. Januar 2012

Internazionale - 8/15 DICIEMBRE • N. 27




Was?
Eine italienische Kulturzeitschrift in ihrem 19. Jahrgang.

Turnus
Monatlich

Kioskpreis-Inhalts-Verhältnis
Gesamtseitenzahl inklusive Titelblatt: 108 Seiten
Ganzseitige Anzeigen: 18 Seiten
Preis: 3 Euro, mit Buch 7 Euro. Buch war nicht mehr dabei. Extrabeigaben zu Zeitungen für Erwachsene sind ein Phänomen des britischen und mediterranen Pressemarktes. Publikationen die eine Zielgruppe älter als 13 Jahre anpeilen, sollten von albernen Geschenkbeigaben absehen.
Format: DIN A 4, aber drei Zentimeter kleiner und ein Zentimeter schmaler.
Preis pro Inhaltsseite: 3 Cent pro Seite (ohne Buch)

Erwerbsgeschichte
Thomas hat mir die Internazionale mitgebracht. Er wollte sehen, wie ich mich in meinem mangelhaften Sprachkenntnissen winde. Danke Kollega!

Titel
Die heulende Frau ganz links soll doch Elsa Fornero sein; jene Ministerin für Arbeit, Soziales und Chancengleichheit der Regierung Monti, die zur Sympathieträgerin wurde, als sie vergangenes Jahr auf einer Pressekonferenz die Haushaltskürzungen mit tränenerstickter Stimme verkündete. Vermutlich sind die anderen Figuren auch Regierungsmitglieder und der König ist Monti selbst.

Inhalt
Viele Texte sind Übersetzungen aus ausländischen Zeitungen. Es freut mich für alle Italiener, die nicht Englisch sprechen (oder nicht so gut), dass sie so in den Genuss von Nick Hornbys Kolumne "Stuff I've Been Reading" kommen. Die erscheint normalerweise im Believer.

Wegen nicht vorhandener Italienischkenntnisse werden mal wieder Bilder gelesen.

Hier lese ich...



...Arbeit ist scheiße.

Layout
Statt eines Posters dient die Mittelseite als Geschenkpapier. Das ist eine ausgesprochen sinnvolle Idee, die sich auch andere Zeitschriften zu eigen machen sollten (schließlich nutzt man sie ohnehin oft zum Verpacken von Geschenken).

Verdikt
Italien ist toll, aber ich verstehe das Land - wie diese Zeitschrift - nur sehr bedingt. Vom Bauchgefühl erlaube ich mir mal eine positive Diskriminierung. Es reicht schon die Internazinale zu durchblättern und man bekommt das beruhigende Gefühl, dass die Leute da unten auch in Ordnung sind. Es gibt mehr als die Camorra, schlechtes Fernsehen, idiotische Kreuzfahrtschiffkapitäne und Spagetthi Pesto. So eine platte Wiederlegung noch platterer Vorurteile ist selbstverständlich albern. Trotzdem ist es schön ohne wilde Diskussion und hintenrum zu dieser Einsicht zu kommen.

Ich weiß nicht, ob mir so ein Verdikt nach der Lektüre der Gazetta dello Sport gelingen würde.

Montag, 23. Januar 2012

THE OBJECTIVIST - VOLUME 5 • NUMBER 2 FEBRUARY 1966



"And if there are degrees of evil, then one of the most evil consequences of mysticism – in terms of human suffering – is the belief that love is a matter of "the heart", not the mind, that love is an emotion independent of reason, that love is blind and impervious to the power of philosophy. Love is the expression of philosophy – of a subconscious philosophical sum – and, perhaps no other aspect of human existence needs the conscious power of philosophy quite so desperately."
- Versucht hier eine 61jährige Philosophin mit ihrem durcheinander geratenen Liebesleben klarzukommen?
Dazu mehr im Verdikt.

Was?
Der Objectivist erschien 1962 erstmals als vierseitiger Rundbrief des Nathaniel Branden Institutes (NBI) und mauserte sich 1966 zu einer echten Zeitschrift. Hier bekommt der geneigte Anhänger des Objekitvismus seine Argumentationsmunition.

Diskurs: Objektvismus
Als Kernwerk des Objektivismus gilt Ayn Rands 1.000 Seiten langer Roman Atlas Shrugged von 1957. Über das Millieu amerikanischener Großindustrieller wird der Leser in die dystopische Vision eines staatlich überregulierten Amerikas kurz vor dem Wirtschaftskollaps gezogen. Anno 2012 sehen zahlreiche Apokalyptiker diese Fiktion nun wahrwerden. Paul Krugman - Wall Street Orakel der New York Times - nimmt die Wirkungsgeschichte des Romans zwar nicht auf die leichte Schulter, aber sieht in den Jüngern des Buchs eher einen bemitleidenswerten Personenkreis:
"There are two novels that can change a bookish fourteen-year old's life: The Lord of the Rings and Atlas Shrugged. One is a childish fantasy that often engenders a lifelong obsession with its unbelievable heroes, leading to an emotionally stunted, socially crippled adulthood, unable to deal with the real world. The other, of course, involves orcs."
Atlas Shrugged wird gerne als „Kapitalismusporno“ geächtet (es war Alan Greenspans Lieblingsbuch, der selbst oft mit Rand abgehangen hat) oder  als „in seiner Immoralität nahezu perfekt“ umschrieben. Statt die verschnörkelte Geschichte nachzuerzählen, picken wir uns lieber eine beispielhafte Passage aus dem Werk.

Es spricht Fransisco d'Anconia - einer von den Guten:
"Not an ocean of tears nor all the guns in the world can transform those pieces of paper in your wallet into bread you will need to survive tomorrow. Those pieces of paper, which should have been gold, are a token of honor – your claim upon the energy of the men who produce. Your wallet is your statement of hope that somewhere in the world around here are men who will not default on that moral principle which is the root of money. Is this what you consider evil?“
Gibt es in der Weltliteratur eine poetischere Huldigung ans Geld? Erfrischend ist das in unseren kapitalfeindlichen Zeiten allemal. Zahlreiche solcher Sprüche in dem Buch öffnen das Bewusstsein für die lohnenswerte Mühen durch Selbstverantwortung und Fleiß. Und für die Vorzüge des "Ethischen Egoismus". Wenn man kein 14jähriger Buchwurm ist, sollte man das aber auch nicht so Ernst nehmen (zur Entwarnung: In Atlas Shrugged bekommen auch Börsenspekulanten und Bürokraten ihr Fett weg).

Turnus
Für Machertypen wie Rand ist ein monatlicher Turnus selbstverständlich.

Auflage
Laut Wikipedia gab es Ende 1966 21.000 Abonnenten. Der Eintrag zitiert wiederum Robert Hessens Aufsatz in der Anthologie The Conservative Press in Twentieth-Century America. Dieser Buchtitel ist ein brauchbarer Kompass

Kioskpreis-Inhalts-Verhältnis
Gesamtseitenzahl inklusive Titelblatt: 20 Seiten
Ganzseitige Anzeigen: Eine hinten im Innencover platziert.
Preis: Coverpreis: Offizieller Preis: 50¢. Mein Preis: US $ 9,99.

Format: Nur unwesentlich größer als die Hamburger Leseheftchen
Preis pro Inhaltsseite: 2,7¢

Erwerbsgeschichte
Bei ebay.com geschossen. Ärgerlicherweise musste ich die Sendung beim Zoll abholen Es hat sich fast wie ein Akt der Rebellion angefühlt als ich dieses Heft kurz vor Weihnachten unter den müden Augen des überarbeiteten Staatsvertreters öffnen musste. Schließlich ist der Objektivismus grundsätzlich kritisch gegenüber institutionalisierter Herrschaft.

Hier soll übrigens nicht verschwiegen werden, dass ich durch die Serie Mad Men von dieser ganzen Idee des Objektivismus erfahren habe.

Vermutete Lesergruppe
Nicht der Menschenschlag, der 1966 mit wallendem Haar in Haight-Ashbury rumtrippte.

Titel
Die Adresse der Abonnenten wurde direkt auf die Rückseite gedruckt. Mein Exemplar gehörte ursprünglich Miss Sharon Riecker, die sich das Heft an die Firma Advance International Ltd. in der Fifth Ave.schicken ließ:


Inhalt
Zwei Aufsätze, zwei Rezensionen und ein Veranstaltungskalender ist alles was es in diesem dünnen Heftchen zu lesen gibt

Die Rezension von In Cold Blood fand ich am interessantesten, obwohl ich nicht verstanden habe, ob sie positiv ist oder nicht.


Layout
Ein schöner Schrifttyp und ein paar dezente Linien. Eine Zeitschrift braucht nicht mehr.

Verdikt
Die Beziehung zwischen den Heftmachern Ayn Rand und Nathaniel Branden sollte man für eine große, amerikanische Independent-Produktion nicht außer Acht lassen (die man dann wiederum für einen Oscar nicht außer Acht lassen sollte): Obwohl Ayn Rand mit Frank O’Connor verheiratet war, begann sie Anfang der 1950er mit Nathaniel Branden eine Affäre, der wiederum mit Barbara verheiratet war.

1966 hatte sich die Lage zumindest für die Brandens geklärt: Sie hatten sich getrennt. Ayn Rand hing weiterhin sehr an ihrem geistigen Zögling. Deswegen gab es auch einen großen Knall als sie 1968 von seiner neuen Affäre mit Patrecia Scott erfuhr. Die Zusammenarbeit wurde beendet und als Alleinverantwortliche wütete Rand auf den Seiten des Magazins heftig über Nathaniel Branden. 1971 wird der Objectivist eingestellt.

So interessant Atlas Shrugged und die Hintergründe des Objektivismus auch sind, so öde ist der Objectivist. In Romanform verpackte Lebensweisheiten machen Spaß. Der Unterhaltungswert theoretischer Aufsätze tendiert eher gegen null. Außerdem komme ich mir mit dieser Zeitschrift in der Öffentlichkeit vor wie ein Zeuge Jehovas oder Scientologe. Apropos: Während Ayn Rand an Atlas Shrugged schrieb, ließ der Science-Ficiton Autor  Ron L. Hubbard seine Selbsthilfekurse in den U.S.A. zu einer steuerbefreiten religiösen Organisation namens Church of Scientology wachsen. Vielleicht wäre dem Objektivismus ein ähnlicher Aufstieg als Neue Religiöse Bewegung gelungen. Schließlich konnten am NBI bereits Vortragsreihen und Kurse besucht werden. Leider - oder glücklicherweise - waren die in Amouren verhedderten Pioniere des Objektivismus weniger zielstrebig als Ayn Rands schillernde Romanfiguren, die als Idole eines besseren Kapitalismus dienen sollen.

So blieb uns zumindest eine Sekte erspart.

Donnerstag, 19. Januar 2012

LOGO! - 4-11


"Das Jamboree hatte sogar eine eigene iPhone App die kostenlos zur Verfügung stand. Die App verfügte über einen Kalender mit den jeweiligen Aktionen des Tages und über eine ganz gute Karte, um sich auf dem riesigen Gelände besser orientieren zu können. Über einen Location Based Service, also über die Ortung der Nutzer, konnte man sogar sehen, wo sich gerade welcher Teilnehmer (Appnutzer) befand. Auch wenn diese Funktion sicherlich sehr hilfreich sein könnte, muss man sich dennoch fragen, wie so etwas zu einem Lager mit dem Titel 'Simply Scouting' passen kann."
- Ganz einfach passt das: Bei einer Großveranstaltung mit  750.000 Stunden Programm in zehn Tagen ist es keine schlechte Idee, Computertechnik den Pfad finden zu lassen.

Was?
Die LOGO! ist das Mitteilungsblatt des Bundes der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (e.V.). In Insiderkreisen nennen wir uns "BdP mit dem kleinen d", weil es auch noch einen BDP mit dem großen D gibt. Die LOGO! ist hingegen diejenige mit den Großbuchstaben und dem Ausrufezeichen. Die mit den Minuskeln und dem Ausrufezeichen ist eine bekannte Nachrichtensendung für Kinder.

Turnus
Vierteljährlich

Auflage
Gute Frage, nächste Frage

Kioskpreis-Inhalts-Verhältnis
Gesamtseitenzahl inklusive Titelblatt: 24 Seiten
Ganzseitige Anzeigen: Zwei Seiten. Die Rückseite ist schon seit Jahrzehnten für das BdP-eigene Versandhaus namens Bundeskämmerei reserviert.
Preis: Mitglieder des BdP bekommen die LOGO! umsonst. Anonsten kostet eine Ausgabe 2 Euro zzgl. Porto
Format: DIN A 4
Preis pro Inhaltsseite: 9 Cent

Erwerbsgeschichte
Normalerweise wird immer ein Paket mit LOGO!-Heften an die einzelnen Ortsgruppen - die Stämme - geschickt und dort bei den Treffen verteilt. Als Pfadfinderrentner bekomme ich das Magazin direkt nach Hause. Dabei wundert es mich stark, dass zwar weder die Redaktion, noch die Bundeszentrale des BdP jemals eine Adressänderung von mir mitgeteilt bekommen haben, aber die LOGO! früher oder später jeden meiner Wohnorte erreicht.

Vermutete Lesergruppe
Mitglieder. Vor allem die eines Bundes der nicht durch die väterlichen Arme irgendeiner Kirche gefüttert wird.

Titel
Könnte ich sein. Zumindest gefühlt.

Inhalt
Unter anderem gibt es Fotos herrlicher Beklopptheiten wie Real-Life-Mensch-Ärgere-Dich-Nicht:


Layout
Dem Titelthema "Nie mehr allein" werden acht Seiten eingeräumt. Dabei kommt man nicht ohne vier Screenshots von Facebook-Seiten aus. Hätte dieses besonders metamedielle Beispiel nicht genügt?


Die Wiederholung der immergleichen Begriffe "iphone" und "Facebook" sorgt für die Verflachung der Diskussion über virtuelle Kontaktmöglichkeiten genauso wie es gut ausgebauten Telekommuikationsnetze mit unserer Geselligkeit und Intuition tun. Trotzdem habe ich in "herkömmlichen" Zeitungen selten eine so entspannte Auseinandersetzungen mit dem Thema gelesen wie hier in der LOGO!. Dieser Technikkram ist halt praktisch. Punkt.

Extra
Liegt vermutlich nicht der kompletten Auflage bei, ist aber auch ziemlich praktisch:



Verdikt
Als zehnjähriger Wölfing haben mir die Publikationen unseres Stammes - den Vaganten Aurich - viel besser gefallen, als die LOGO!. Damals lag es daran, dass ich niemanden auf den Fotos in der LOGO! kannte. Später haben mich dann die Bemühungen genervt, Pfadfinderei einen modernen Anstrich zu verpassen (ein ehemaliges Mitglied saß inzwischen in der Führungsetage von Jung von Matt und gestaltete eine Werbekampagne). Inzwischen habe ich Verständnis für alle Versuche der Mitgliederwerbung. Die uralten und unschlagbaren Erfahrungen von Endlosmärschen und Regennächten unter leckenden Zeltplanen müssen nunmal euphemistisch nach außen getragen werden.

Die LOGO! erreicht mich weiterhin und so wird es hoffentlich auch in Zukunft bleiben. Keine andere Zeitschrift beziehe ich so lang. Inzwischen hebe ich die einzelnen Ausgaben nicht mehr auf, aber trotzdem bekomme ich gerne mit, was im Bund passiert. Mehr sollte eine Vereinszeitung ja auch garnicht bewerkstelligen.

Donnerstag, 5. Januar 2012

ESSENER UNIKATE 8 - 1996

 
"Mittlerweile weiß ich, daß im gesamten Kulturbetrieb das Sekundäre gesiegt hat. Meine Essener Erfahrungen waren nur ein Vorgeschmack. Nicht mehr das Buch ist wichtig, sondern dessen feuilletonistische Aufbereitung, die sich Kritik nennt. […]  Übertreibe ich? Es hat mir trotzdem in Essen gefallen, Warum - weiß ich nicht mehr so genau. Vielleicht weil Essen im Ruhrgebiet liegt und diese gebrochene Landschaft so primär nach Literatur schreit."
- Immer für Kontroversen gut, der gute, alte Günter Grass.
Was?
Ein Rundbrief der Essener Hochschule (ehemals Gesamthochschule, jetzt Universität Duisburg-Essen). In jeder Ausgabe der Essener Unikate wird einer Disziplin der gesamte Platz des Heftes eingeräumt. In diesem Fall sind es die Geisteswissenschaften

Turnus
Ein Blick auf die Website der Publikation verrät, dass der Turnus etwas an Rasanz abgenommen hat. Während in den Vorjahren jährlich zwischen zwei und drei Hefte erschienen, war es 2011 nur ein einziges, obwohl die Sprache von "mindestens zwei Ausgaben pro Jahr" ist. Was sagen die Abonnenten dazu?

Auflage
5.000 Kopien bei dieser Ausgabe

Kioskpreis-Inhalts-Verhältnis
Gesamtseitenzahl inklusive Titelblatt: 100 Seiten
Ganzseitige Anzeigen: Die Anzeigen verstecken sich diskret hinter dieser Seite ganz am Ende des Heftes...


...und es sind drei Stück (Bank, Versicherung, Verlag).
Preis: In diesen Tagen muss man für das Jahresabonnement mit "mindestens zwei Ausgaben" 12,50 Euro auf den Tische legen.
Format: Ganz normales DIN A 4
Preis pro Inhaltsseite: Wenn wir davon ausgehen, dass die neueren Ausgaben auch 100 Seiten lang sind und jeweils 6,25 Euro kosten und drei Seiten für Werbung hergeben, wäre der Einzelseitenpreis knapp secheinhalb Cent pro Inhaltsseite.

Erwerbsgeschichte
Von Buuusch geschickt bekommen. Neben den Essener Unikaten lagen noch zwei andere Hefte mit viel Schrift und wenig Bildern in seiner lädierten Büchersendung. Bei einem der Magazine war irgendwas mit China auf dem Cover. Das habe ich also direkt an meinen Sinologen-Mitbewohner weitergereicht. Danke Buuusch.

Vermutete Lesergruppe
Menschen im Dunstkreis ausgesucheter Ruhrpott-Universitäten.

Titel
Hier sei ein kleines Ost-West-Vorurteil erlaubt: Wenn es eine Farbe gibt, die ich mit die DDR assoziiere, dann das graugrün des Umschlags, welches beim scannen zu einem silbergrau wurde. Soviel zur Qualität der hier abgebildeten Grafiken.

Inhalt
Essener Unikate 8 erschien anlässlich des 20. Jahrestags der Etablierung eines campuseigenen Poet in Reidence. Bei der genauen Betrachtung der schreibenden Gäste, ist mir aufgefallen, dass im Sommersemester 1980 Peter Bichsel letzter Besucher über die warmen Monate war:


Bichsel ist auch der einzige Poet von dem sich kein Erguss auf den Seiten von Essener Unikate 8 findet. Bei einer Schnellrecherche zu diesem Tatbestand, fand ich den Hinweis, dass Anno 2000 auch wieder Poeten in Essen residierten

Was ist da passiert mit dem Herrn Bichsel? Gab es die klassisch-peinliche Situation der Schülerin-Lehrer-Romanze und man die verkrachten Literaten zwischen Mai und Juli nicht mehr in die Nähe von unschuldigen, vermutlich knapp bekleideten Germanistikstudentinnen haben wollte?

Ein Blick in das Metzler Autoren Lexikon (3. Auflage, 2004) verrät, dass sich Bichsel als "sehr schulmeisterlichen Autor" bezeichnete und anderthalb Jahre nach dem Essener Aufenthalt Poetik-Vorlesungen in Frankfurt am Main hielt. Daher schließe ich im Fall Peter Bichsel den Tatbestand der Studentinnenschändung aus. Trotzdem hat mich sein fehlender Text grundlos, aber nachhaltig irritiert.

Ein Höhepunkt der Kurzweil ist die kleine Geschichte von Bichsels Vorgänger Reinhard Lettau (den Typen kenne ich aus dem Kursbuch 6). Sie ist im Grunde eine flotte Variation von den hölzernen Kolumen in Punk-Fanzines, die mit "Neulich saß ich im Bus..." beginnen:

Layout
Günter Grass - Stargast während des Wintersemesters 1989 - entwirft hier mal wieder ausgesucht hässliche Wesen:


Anonsten ist die Getaltung klar, ohne dabei stählern zu wirken. Das darf als ruhig Nachteil gesehen werden.

Verdikt
Meinem hobbymäßigen Interesse an deutschsprachiger Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommt diese Publikation sehr entgegen. Die ganzen kleinen Texte von Autoren mit großen Namen sind mitunter wenig erhellend, aber ich habe sie mit unangestrengter Aufmerksamkeit konsumiert. An anderen Ausgaben der Essener Unikate (jene, die sich mit der "Herausforderung Elektromobilität" oder "Oberflächenphysik" beschäftigen) würde mein, in den schönen Künsten stehengebliebener Geist sicherlich scheitern.

Das ist auch eine Erkenntnis, aber eine ziemlich bittere.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

The New Yorker - Dec. 6, 1993


1/2

"COOL RUNNINGS - The filmmakers take the adventure of the 1988 Jamaican Olympic bobsled team and turn it into a kiddie movie - almost a toddler movie."
- M.S. in der Rubrik 'Movies in Brief'.

Was? (und Auflage)
Hier haben wir ein Produkt von Condé Nast Publications, die unter anderem auch alle Vogue-Ausgaben dieses Planeten herausgeben. Die verkaufen sich so gut, dass freilich auch die Belegschaft des New Yorker einige Räume im One World Trade Center beziehen darf.

Kioskpreis-Inhalts-Verhältnis
Gesamtseitenzahl inklusive Titelblatt: 152 Seiten
Ganzseitige Anzeigen: 36 Seiten und noch eine Menge von Seiten mit mehr Anzeige als Inhalt. Also zählen wir einfach fünf Seiten hinzu und kommen auf 41 Seiten. Wenn man sich eine aktuelle Ausgabe des New Yorker anschaut, wird schnell deutlich wie sehr die ganzen Inserate kleinerer Firmen abgenommen haben. Kostenlose Reproduktion von Werbung verbietet sich hier grundsätzlich. In diesem Fall sei ein beklemmender Einblick in amerikanisches Unternehmertum gestattet:

 
 


Außerdem präsentiert Elizabeth Taylor auf Seite 30 das Parfum "Fragrant Jewels" und der Erstversicherer AIG wirbt gleich über eine Doppelseite mit dem Slogan:
"Why reforming our liability system is essential if America is to succeed in overseas markets."
Das Jahr 1993 war übrigens auch in Amerika noch Prä-Internetzeitalter. Alle Geschäfte werden mithilfe einer Hotline abgewickelt. Eine URL-Adresse sucht man vergeblich.
Preis: $ 1,95. Die Ausgabe Dec. 5, 2011 liegt schon bei 5,99. Heftiger Preisanstieg, finde ich.
Format: So wie das Time.
Preis pro Inhaltsseite: Anderthalb Cent.

Erwerbsgeschichte
Ebay! Allerdings war Verkäufer collectors_world_inc in seiner Artikelbeschreibung etwas nachlässig. Von der halb herausgerissenen Seite 20 war nichts zu lesen. Was tun? Genau: Auf eine Beurteilung gänzlich verzichten und nie wieder kaufen. Das nennt man generöse Kundenkulanz.

Vermutete Lesergruppe
 Noah Masterson fasst seine Nutzer-Medium-Beziehung folgendermaßen zusammen:
"I consider it the greatest magazine the world has ever produced but I recognize that part of its appeal is that it makes you feel like a member of an exclusive club of sophisticated Manhattan liberals. There is just enough low-brow, off-beat content to keep the snobbishness from being insufferable, but even as you read profiles of B-list celebrities like Anna Faris, or extensive reportage in tugboats and tugboat owners, you visualize the typical New Yorker reader chuckling ironically in a tweed suit."

Titel
Gut geeignet für Wiederverwertung auf Konzertplakaten, für Anti-Gen-Mais-Proteste und als Analogquelle für angenehmes Gelb.

Inhalt & Turnus
Neben der Rubrik 'Movies in Brief' gibt es noch eine ganz andere feste Größe im New Yorker: Unter 'A Reporter At Large' sammeln sich Texte über Strömungen und Brüche modernen Lebens. In dieser Ausgabe gibt es wirklich nur einen Reporter. Dieser Reporter - Mark Danner - erzählt uns am Nikolaustag vor 18 Jahren von dem Schlachthaus, dass Mittelamerika Ende der 70er, Anfang der 80er war. Allein schon durch die stattgegebene Überlänge erhebt er damit dieses Heft zur Grandiosität.

The Truth of El Mozote ist nach John Herseys 'Hiroshima' (August 1948) erst der zweite Beitrag, welcher den gesamten Hauptteil vom New Yorker ausmacht. Die Reportage scheint gerade zu kurz für eine eigene Buchveröffentlichung (die unweigerlich erschien), aber ist doch unüblicher Lesestoff für ein wöchentlich erscheinendes Stadtmagazin mit Veranstaltungsteil.


Layout
Nach dem Einblick in den Reportagejournalismus gehen wir gleich über zum zweiten wesentlichen Charakteristikum dieses Magazins: die Bilderwitze.




Verdikt
1. Finanziert wird der New Yorker durch ein Magazin, das ein weltumspannendes Modediktat anstrebt
2. Vermeintliche Zielgruppe sind guffelnde Träger von Tweedanzügen , die nach Betrachtung der Anzeigen mindestens so viel Bezug zu Segelmode und Delphinketten haben, wie zu Dirty Wars in Mittelamerika.
3. Trotzdem hat man bei der Lektüre von Mark Danners Text das seltene Gefühl, dass hier nicht ein Journalist von anderen Journalisten abgeschrieben hat. Überraschend, akribisch, weitsichtig und ganz und garnicht leichtfertig; das sind die Essays und Reportagen im New Yorker. Und genau das annulliert jede Verlags- und Lesergruppe, mag sie noch so unsympathisch sein.